EUROPÄISCHE MÄRKTE
Informelle Oekonomie, ,Shopping Tourism' und Basar-Wirtschaft nach dem Staatssozialismus
Jochen Becker


"Kann der Alien auch fuer uns ein cooler Freund sein", wie die Spex ihr 11/98-Sonderheft zum ,Loving the Alien'-KongreB annoncierte? LaeBt sich Flucht und Exil wirklich mit Kultur und Mothership-Eskapismus kontern? Soll hier in einer Art stragegischen Weltflucht via Science Fiction eine neue Fremdenfreundlichkeit entwickelt werden - was ja als Social Fiction die Debatte weiterbringen koennte - oder gibt sich die Popdiskussion einen migrantischen Reality-Kick? Afro-Deutsche scheinen so fern wie die reichsdeutsche Kolonialgeschichte in Afrika. Wie ein Roland Emmerich auf links bleibt beim Alien-KongreB das Referenzsystem die USA, wobei ich nicht fuer deutsche Theorie, jedoch fuer einen Blick auf lokale Verhaeltnisse plaediere. Denn nationale Toene von Kraftwerk bis Mike Ink hebeln sich noch lange nicht aus, wenn Kulturstudien entlang einer afrodiasporischen Diskussion in den USA entwickelt oder bei Zuwanderung allein Mexiko thematisiert werden. Wer liebt die Fremdlinge? "MigrantInnen und Fluechtlinge sind in Europa unerwuenscht. Nachdem es nahezu unmoeglich ist, auf legalem Wege hierher zu fliehen, einzureisen oder einzuwandern, ist die Ueberschreitung der Staatsgrenzen nur noch ,illegal' moeglich und nicht selten mit toedlichen Gefahren verbunden." Fuer "Menschen wie vom anderen Stern", so wie sie der Aufruf zur Kampagne ,kein mensch ist illegal' kennzeichnet, gibt es offensichtlich keinen geeigneten popkulturell vermittelbaren "Hipness-Faktor".

Schweissladen Mit dem Ende des Staatssozialismus in Mittel- und Osteuropa und dem take-over des westlichen Marktregimes hat informelle Oekonomie wie auch ihre wissenschaftliche oder polizeiliche Erkundung Hochkonjunktur. Determiniert als Schattenwirtschaft, Schwarzmarkt und undokumentiertes Arbeitsverhaeltnis, als Schmuggel oder als Schleppertum geahndete Fluchthilfe, bilden sich hierbei neue Handels- wie Handlungsmuster heraus. Die ,entsozialisierte' Marktwirtschaft der postkommunistischen Staaten befindet sich auf der Suche nach den Luecken des europaeischen Marktes, welcher den so Abhaengigen eher frueh- denn nach westlichem Muster spaetkapitalistisch gegenuebertritt. Nun entwickelt sich im Trikont, in Mittel/Osteuropa sowie zunehmend auch in westlichen Randzonen eine ausgepraegte Basar-Oekonomie. Bei der Muenchner Veranstaltung [ueber die grenze] - zugleich Auftakt fuer die Kampagne ,kein mensch ist illegal' - berichtete ein Berliner Mitarbeiter der ,Forschungsgemeinschaft Flucht und Migration' (FFM) von einem Warschauer ,Russenmarkt'. Hier wuerden jaehrlich Waren und Dienstleistungen im Wert von einer Milliarde Dollar umgesetzt. Rund um das riesige Sportstadion ,Dziesieciolecia' (,Zum Zehnten' Jahrestag der Gruendung der Volksrepublik Polen) werden neben den ueblichen Waren nun auch Arbeitskraefte aus der Ukraine, BeloruBland oder den baltischen Laendern gehandelt sowie in polnischen ,Sweatshops' hergestellte Textilien verkauft. Hier schuften dann jene aus den ,Billiglohnlaendern' jenseits der polnischen Ostgrenze stammenden Personen mit der schwindenden Hoffnung auf Weiterflucht.

"Wer auf dem Landweg nach Deutschland einreist, hat nach einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts keinen Anspruch auf Asyl. ... Die Richter sagten, die Drittstaatenregelung solle im Hinblick auf eine europaeische Regelung und als Beitrag zu einer gerechteren Lastenverteilung verhindern, daB der Auslaender sich ein Asylland aussuche." (Reuter/FAZ, 3.9.97)
Trading their way to the west: Pendlerhandel, kurzfristige Jobs, laengerfristige Uebersiedlung und Migration immer weiter gen Westen lauteten bislang die mittel/osteuropaeischen Etappen von Flucht und Migration. Konnten Transitfluechtlinge auf dem Weg nach Westeuropa noch vor kurzem ohne groBe Probleme im "Wartesaal" Polen Station machen, werden sie nun von militarisierten Staatsorgane beiderseits der Schengen-Grenze verfolgt. Waehrend Mittel/Osteuropa zunehmend als Billiglohn-Werkbank, Immobilienanlage oder "Schwellenland" fuer den Absatz von Konsumguetern genutzt wird, werden Armutsfluechtlinge im Zuge der Drittstaatenregelung nun auch von polnischen Behoerden aufgegriffen, eingesperrt und abgeschoben. Der in beide Richtungen sich etablierende, grenzueberschreitende und ,wilde' Kapitalismus foerdert klandestine Bandenbildung sowie unternehmerische Selbsthilfegruppen. Je nach Interessenslage von Politik und Wirtschaft werden diese als neue Unternehmerschicht und Privatisierer bzw. "organisierte Verbrecher", Mafia, Schleuser und Schmuggler gewertet. Hier scheint die zaehlebige Mantra informell/illegal/kriminell vorgezeichnet: Durch Entgarantierung, Entrechtung und Strafverfolgung bildet sich eine breit aufgefaecherte neue Oekonomie jenseits von Dokumenten, Sozialabgaben und gesetzlichen Regelungen.
In allen Nachfolgestaaten des Warschauer Pakts siedelt sich die Quote der "Schattenwirtschaft" im hochprozentigen Bereich an, sodaB hier wohl eher von einem ganz normalen Teilsektor der Oekonomie gesprochen werden kann. Dabei muB allerdings unterschieden werden zwischen einer Ueberlebensstrategie durch Kleinhandel oder ,wilder' Privatisierung der neuen Technokraten, welche bereits bestehende politische in oekonomische Macht transformieren. An der ,grauen' Privatisierung des renationalisierten "Volkseigentums" durch die Regierung sind insbesondere ehemalige Staatsbedienstete und deren Privatfirmen beteiligt. Das "planning and clanning" vollzieht sich mittels Ueberfuehrung staatlicher Betriebe in Aktiengesellschaften, durch Geldwaesche oder nie mehr zurueckgezahlte Kredite mittels geplanter Konkurse ("Kredit-Millionaere"). Hierbei stehen kurzfristige Finanzakkumulation statt bleibender Produktionssteigerungen im Vordergrund, wobei gezielt offen gehaltene Gesetzesluecken und nicht etwa ,der Markt' die Regeln definieren.
Doch ist der ,Westen' hierbei ueberhaupt ein geeigneter MaBstab? Um nun nicht das von Innenministerium und Europol politisch eingesetzte Nepper/Schlepper-Vokabular zu reproduzieren, oder den Durchzug des ,wilden' Kapitalismus zu bestaunen, scheint mir ein Blick auf diese neuen europaeischen Maerkte noetig. Inwieweit meine ohne direkte Anschauung und durch Lektuere erworbene Kenntnisse hierbei doch wieder nur das staatlich vermittelte ,Bild' vom Osten widergibt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Statistik potemkinscher Haushalte In der Ukraine betraegt die Inflationsrate 380%, zwei Drittel der BewohnerInnen in der Umgebung von Odessa leben unterhalb der offiziellen Armutsgrenze, nur 16% der Landesbevoelkerung koennen von ihren regulaeren Jobs leben und das Bruttosozialprodukt ist seit 1989 um 59% gefallen. Allerdings - und hier zeigen sich die Schwaechen von Statistiken - ist gerade das Bruttosozialprodukt einer zunehmend informalisierten Oekonomie schwer zu bemessen. Nach Erkenntnissen des Deutschen Instituts fuer Wirtschaftsforschung (DIW) liegt die ukrainische Schattenwirtschaft etwa gleichauf mit dem offiziellen Bruttoinlandsprodukt. Seit 1989 gleichbleibender Verbrauch von Elektrizitaet oder hohe im Umlauf befindliche Bargeldmengen lassen naemlich den SchluB zu, daB die Haelfte der Wertschoepfung an Steuer, aber auch an umverteilbaren oeffentlich Geld fuer Kultur, Sozialversicherung oder Gesundheitsschutz vorbeilaufen. Nach Einschaetzungen des DIW berechnen die Behoerden allerdings bis zu 25% des Umsatzes fuer Lizenzen oder den Schutz vor Kontrollen - wiederum vorbei an Steuer und Sozialversicherung - sodaB die Moeglichkeiten staatlicher Transferleistungen fuer Arme, Arbeitslose oder Alte aeuBerst begrenzt sind.

"Der Schwarzmarkt gab sich als der wirkliche Markt zu erkennen... Die Beduerfnisse lagen offen zutage, die Schlange starb... Ein Volk, das angeblich von Oekonomie nichts verstand, lernte den Handel im Nu... Die Stadt war zum Basar geworden, Schlag auf Schlag folgte, was zum funktionierenden Markt gehoerte: Banken, Boersen, Makler, Geschaefte, Advokaten, Hotels, internationale Verbindungen, offene Wechselkurse, die Embleme und die Aesthetik der internationalen Warenwelt, die freie Bewegung von Menschen. Guetern, Ideen." Karl Schloegel auf den 60. Stadtforum ,Stadtmitte' in Berlin Das Bild vom "Ende der Stadt als staatliche Veranstaltung und der Wiedergeburt der Buergerstadt", wie es der Historiker im Geiste des Kalten Kriegs entwarf, verklaert die Zwaenge einer aus Arbeit und sozialer Absicherung geworfenen Bevoelkerung jenseits der alten und neuen Eliten. Nicht "intuitive Vernunft" (Schloegel), sondern blanke Not durch Hyper-Inflation, eingebrochene COMECON-Maerkte der vormals sozialistischen Wirtschaftspartner, ausbleibende Lohnzahlungen, Secessions- und Nationalkriege oder rassistische Verfolgung treibt die so aus ihrem bisherigen Alltag Entlassenen an, alles nicht Lebensnotwendige zu verkaufen, um die Existenz zu sichern. Die Grenzen zwischen Armutsbevoelkerung und Armutsfluechtlingen sowie zwischen ,Asylsuchenden' und ,ArbeitsmigrantInnen' verwischen sich hierbei zusehens.
Schloegels Blick auf den Schwarzmarkt als ,Privatierung von unten' verklaert die radikale Zwangsflexibilisierung der meist mehrfach Beschaeftigten ohne Aussicht auf Urlaub, Krankenversicherung, Arbeitslosenunterstuetzung: ,working poor' nun auch hier. Zugleich naturalisiert er den westlichen Kapitalismus, der mit Insignien von Bank bis Boerse mit einer ,Privatisierung von oben' an die Basarwirtschaft anschlieBe. Schloegels Wende-Perspektive des Kalten Kriegs nimmt weiterhin nicht zur Kenntnis, daB sogenannte Polenmaerkte schon seit Beginn der 80er Jahre existierten und wohl auch in Zukunft neben einer Nachahmung westeuropaeischer Muster bestehen bleiben. Denn noch bis kurz vor Mauerfall existierte solch ein riesiger ,Polenmarkt' auch auf dem Potsdamer Platz in Westberlin - genau dort, wo nun die Daimler-Benz-InterService AG als "hochwertiger" Dienstleister fuer Handel, Kommunikation und Immobilien ihre Zentrale bezieht.
Im Ostberliner Stadtteil Lichtenberg wurde vor vier Jahren das selbstorganisierte Handels- und Dienstleistungszentrum in einem vietnamesischen Wohnheim staatlich zerschlagen, was zu einer heftigen StraBenschlacht zwischen den BewohnerInnen und der Polizei fuehrte. Inzwischen gruendete der Verein ,Reistrommel' eine Art Auffanggesellschaft, welche den ehemaligen VertragsarbeiterInnen in einer alten Lagerhalle Klein-, Zwischen- und GroBhandel von Textilien, Lebensmitteln und Konsumelektronik ermoeglicht. Hier werden zumeist aus Vietnam stammende Textilprodukte an Einzelpersonen und lokale Haendler verkauft. Weiterhin wird hier frische Handelsware in Kleintransporter mit polnischen Kennzeichen geladen, um die Maerkte jenseits der Grenze zu beschicken. Die Halle sichert den von Abschiebung Bedrohten einen Job, welcher als Voraussetzung fuer eine offizielle Duldung gilt. Nebenan bietet ,Reistrommel' Rechtsberatung und Oeffentlichkeitsarbeit an.

Shuttle Traders Waren die informellen "Comecon-Maerkte" (Endre Siks) mit zumeist auf dem Ruecken antransportierten Guetern vor 1989 noch von wenigen ,Spezialisten' betrieben, sind diese seit dem Ende des Staatssozialismus weitverbreitete Normalitaet: "Das Phaenomen ist massiv, eines der Massen", beschrieb der bulgarische Sozialwissenschaftler Yulian Konstantinov anlaeBlich der Berliner Tagung ,Cities in Transition' die aktuelle GroeBenordnung. Allein fuer Polen wird hierbei ein Umsatz von 5 Milliarden Dollar geschaetzt - hoeher als die meisten noch verbliebenen Industriezweige: "Dieser Grenzhandel kann als ,big business' fuer Polen angesehen werden." (Claire Wallace)
Beim KongreB ,Shopping Tourism and Traveling Objects in Postwar Central Europe' auf Einladung des Wiener ,Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften' berichtete Julia Zhdanova von sogenannten ,Shuttle Traders' (,chelnoki'), welche durch ihren professionalisierten Reisetourismus per Bahn mehr als ein Sechstel des gesamten russischen Imports bewaeltigen. Die geschaetzten 5 bis 10 Millionen Einkaufspendler mit monstroesem Handgepaeck stellten nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus die Versorgung mit Guetern und Nahrungsmitteln sicher. Erst kuerzlich fielen sie auch den Statistikern auf, weshalb nun die Transfer-Gewinne abgeschoepft werden. Nach Einschaetzungen von Julia Zhdanova bilden die zumeist weiblichen Handlungsreisenden einen bedeutenden Teil der kuenftigen russischen Mittelschicht, da sie Kapital fuer kuenftige Investitionen ansammeln. Das Erreichen-koennen westlicher Standards der 27 "Transformationslaender" ist nach ethnopolitischen Konflikten, geostrategischen Verwertbarkeiten und oekonomischen Potentialen verschieden. Generell verlaeuft die immer spuerbarer werdende Trennlinie zwischen den EU- bzw. NATO-Osterweiterungs-Kandidaten und den verbleibenden GUS-Staaten sowie zwischen zentral- und suedosteuropaeischen Laendern. Im schon recht frueh liberalisierten Ungarn bildeten sich schon vor 1989 ,Kleinkapitalisten' mit Kleinbetrieben, privaten Bauernhoefen oder auf StraBenmaerkten heraus. Doch durchzogen agressives Marketing, protestantische Arbeitsethik, exzessiver Konkurrenzkampf sowie strikte Kosten-Nutzen-Rechnung nach Vorbild des westlich gepraegten Kapitalismus die mittelosteuropaeischen Staaten erst nach '89. Bis dahin war ,billig' auch kein Schimpfwort, sondern ein entscheidender Kaufanreiz.

"Warum gibt es so viel Geld, um die Privatisierung zu studieren, doch weit weniger, um Armut in Osteuropa zu erforschen... Die westlichen Foerderprogramme, welche die materiellen Resourcen kontrollieren, haben einen groBen EinfluB auf die gewaehlten Themen... Wie kann ich meine Ideen dem Westen verkaufen?" (Csepeli/Oerkeny/Scheppele in Replika) Mittel/osteuropaeische SozialwissenschaftlerInnen, welche die GesetzmaeBigkeiten informeller Maerkte untersuchen, sind selbst einem grenzueberschreitenden Wissenshandels unterworfen, welcher sich zudem aehnlichen regionalen Wertschaetzungsmuster unterliegt. Denn nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch der hiermit verknuepfte westliche Wissenschaftsbetrieb entwickelte ein koloniales Interesse an "interessanten" Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts. Westliche Datenbanken werden dort mit dem Rohstoff Fakten aufgefuellt, deren Veredelung - also die Wertschoepfung - im Westen geschieht. Hat man als zugereister Westwissenschaftler keine familiaeren Bruecken in das mittel/osteuopaeische Forschungsgebiet, helfen bei den "data safaris" lokale AssistentInnen als Dolmetscher aus: "eingeborene Soziologen wurden Angestellte von Datenexportgesellschaften" (Gyoergy Csepeli/Antal Oerkeny). Ungarische WissenschaftlerInnen verdienen ca. $300 und somit durchschnittlich ein Zehntel dessen, was ihre US-KollegInnen erhalten, geben dafuer aber 50% mehr fuer importierte Fachbuecher aus: Gleich den KleinhaendlerInnen muessen sich auch OstwissenschaftlerInnen um Zusatzjobs kuemmern, da ihr Forschungsgehalt nicht zum Leben reicht. Universitaeten haben wie andere oeffentliche Einrichtungen des ehemaligen Staatssozialismus kein Geld mehr, sodaB viele WissenschaftlerInnen in die Privatwirtschaft, und einige Privilegierte an westliche Institutionen abwandern ("brain drain"). So galt es fuer viele mittel/osteuropaeische WissenschaflerInnen schon bald, sich in den internationalen KongreBtourismus und dessen FinanzfluB einzuklinken. Mit den westlichen Foerdergeldern werden jedoch weniger osteuropaeische Infrastruktur (Computer, Bibliotheken, Nachwuchsfoerderung) denn westliche Institute finanziert.
Mit dem Ende der staatlichen Subventionspolitik fuer Forschung oder Tagungen gaben westliche Institutionen mit dem Geld die Themen vor. Im Bereich der Sozialwissenschaften haben Elitenforschung und Marktanalysen Vorrang, welche das Interesse westlicher Produzenten und Staaten an oestlichen Maerkten und Maechten widerspiegeln. Die Hegemonie der englischen Sprache und des US-Fundings wird hierbei auf Mittel/Osteuropa uebertragen. Neben der Weltbank mit Sitz in Washington oder der us-ungarischen Sorros-Stiftung glichen ehemals den Kalten Krieg untersuchende Institutionen ihre Foerderprogramm der neuen Weltordnung an: "Geldgeber wechselten ihre Prioritaeten und aenderten ueber Nacht die Anfrage nach Antraegen ueber nukleare Abschreckung und Konfliktmanagement hin zu Antraegen ueber Demokratisierung und Privatisierung." (Kim Lane Scheppele). Die nun ,Transition Studies' genannt Forschung, an dessen Ende wohl "Normalitaet" herauskommen soll, verortet den "Osten" jenseits von Modernitaet oder Weltwirtschaft. Die Finanzierungspraxis der westlichen "Geberlaender" erinnert an die ,Gewaehrung' von ,Entwicklungshilfe', obgleich rhetorisch noch zwischen 2. Welt und dem Trikont geschieden wird.

"Die Bildung von Koalitionen mithilfe von Kommunikation und Handel wird immer notweniger; dabei werden Konsum und die elektronischen wie die Printmedien als Schauplaetze genutzt." ,Market' by Group Material, Kunstverein Muenchen, 1995
Wie entkommt eine Schilderung der Zuschreibung des ,Unterentwickelten', da informeller Reise-Handel auch Mobilitaet und Emanzipation bedeuten kann? Von der bislang ueblichen wissenschafts-kolonialen Praxis in Begrifflichkeit wie Auftragsstellung setzt sich das vom oesterreichischen Staat gefoerderte zweijaehrige Forschungsvorhaben ueber ,Shopping Tourism' deutlich ab. Das seitens Anne Wessely und Tibor Dessewffy von Budapest aus initiierte und koordinierte Projekt versteht sich als per e-mail zusammengehaltenes Recherche-Netzwerk von Kultur- und Sozialwissenschaftlern aus Rumaenien, Slowenien, RuBland, Tschechien und Ungarn, also den zentraleuropaeischen Nachfolgestaaten des ehemaligen Oestereich-Ungarischen Reichs. Bei klarer Autonomie von Seiten der mittel/osteuropaeischen WissenschaftlerInnen ist Oesterreich hierbei als Gegenfolie - "Wien war das Schaufenster fuer westliche Waren, die erste Stadt auf der anderen Seite des ,Eisernen Vorhangs'" - einbezogen. Innerhalb des abgesteckten thematischen Rahmens entwickeln die Beteiligten ihre jeweiligen Schwerpunkte unter kollegialer Einbeziehung des wissenschaftlichen Nachwuchses, welcher einmal nicht nur fuer's stumpfe Zuarbeiten oder Datensammeln gebraucht wird.
,Ethnie', ,Klasse' oder ,Differenz' sowie die sichtbaren Unterschiede zwischen arm und reich waren und sind noch immer im vormals "klassenlosen" Mittel- und Osteuropa von anderer Bedeutung als etwa im GroBbritannien des Birmingham Center for Contemporary Cultural Studies oder das von Bourdieu beschriebene Pariser Buergertum. "Wir empfinden eine Notwendigkeit, unsere eigenen kulturell sensiblen Theorien zu entwickeln, aufmerksam fuer die Besonderheiten unserer eigenen Zeit und unseres eigenen Ortes", formuliert die Einfuehrung des transnationalen Forschungsprojekt ueber ,Shopping Tourism' die kritische Distanz zu sozialwissenschaftlichen Weststandards. Das "eigene" traegt hier nicht den falschen Zungenschlag nationalistischer Besonderheiten. Vielmehr scheinen gerade die ,politics of consumption' als - nahezu weltweit - anwendbarer Parameter fuer eine "Geschichte der Gegenwart" (Wessely) bereitzustellen, um gesellschaftspolitische Umbrueche, nationalstaatliche Erosionen sowie kulturelle Neubewertungen "auf dem Weg nach Europa" (Miklos Voeroes) zu vergleichen.
Das Projekt widmet sich weniger den Eliten, sondern dem Massenphaenomen Kleinhandel, wenn etwa russischer Sekt nach Wien, Pornohefte aus Jugoslawien oder Anti-Baby-Pillen Richtung Rumaenien verschoben wurden. Soziale oder kulturelle Entwicklungen, und nicht so sehr die oekonomischen Aspekte des grenzueberschreitenden Warenverkehr vormals staatssozialistischer Laender stehen bei der wissenschaftlichen Erkundung im Vordergrund. In der "klassenlosen Gesellschaft" des staatlich regulierten Konsums spielte danach der Zugang zu westlichen oder verbotenen Produkten eine bedeutende Rolle fuer die Distinktion: Der Besitz zumindest eines Kundera-Romans gehoerte in vielen Kreisen schlicht zum guten Ton.
Differenzierung ergaben sich ueber den kulturellen Status (Freizeitgestaltung, kulturelle Aktivitaeten, Bildung) und weniger durch die materielle Lage (Einkommen, berufliche Position). Buecher, Platten, Ideen, Reisemoeglichkeiten und Konsumgueter des nichtalltaeglichen Bedarfs hatten also neben ihrem Gebrauchswert vor allem (sub)kulturelle Bedeutung: 1960 fuhr der geschmacksbewuBte Intellektuelle aus Budapest wegen der Jazzplatten nach Prag, lernte dort auch die Filme der Beatles kennen, und schaute sich in Wroclaw oder Krakow experimentelles Theater an. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1968 kamen die Tschechen, um in Budapest Filme zu schauen, waehrend die Oesterreicher sich bald darauf an billigen Ferien und Dienstleistungen (Zahnarzt, Brillen, Kuren) in den oestlichen Laendern erfreuten. Verbotene Literatur in polnischer Uebersetzung oder die Havel-Essays als Samizdat-Raubdruck organisierte man sich auf dem Warschauer Flohmarkt. Auch aus der DDR hoerte man ja noch lange Zeit vom erstaunlichen Kultwert geschmuggelter Genesis-Platten.
Waehrend in der formalen Oekonomie des Staatssozialismus ethnische oder kulturelle Besonderheiten negiert wurden, spielten beim Shopping-Tourismus erfahrene Identitaetsstiftung und Repraesentation nationaler Unterschiede sowie Wechselkurse und Kaufkraft fuer die zumeist grenznah gelegenen einheimischen Minderheiten eine groBe Rolle: Waehrend die Ungarn noch in den 70er Jahren ihre Jeans billiger in Jugoslawien kauften, erhaelt man nun in Budapest vier Jeans fuer den Preis von einer im vormals jugoslawischen Slowenien. Je nach Versorgungslage unterscheiden sich die Bedeutung der Einkaufstouren recht deutlich voneinander: Waehrend Ungarn bevorzugt verbotene Produkte erstehen wollten oder sich mit dem Verkauf von Produkten ihre Reisefreiheit finanzierten, ist der grenzueberschreitende Handel und die Erkundung neuer Terrains etwa fuer rumaenische Roma von existenzieller Notwendigkeit. Zumeist wurden Blutkonserven, alte Lagerbestaende, demontierte Fabrikteile oder Waren aus der laufenden Produktion ueber die Grenze verschoben, allerdings nicht ohne vorher die Zoellner beiderseits der Grenze mit Alkohol, Waren oder Geld zu bestechen.
Die informelle Markt-Wirtschaft der Kleinhaendler organisiert sich entlang von Familienzugehoerigkeit, Freundschaft oder ethnischer Bindung. Auf den mitteleuropaeischen Ost-West-Kreuzungen im vergleichsweise liberalen Ungarn kam es regelmaeBig zu deutsch-deutschen Familientreffen ohne staatliche Aufsicht der DDR-Organe, weshalb sich an diesen Knotenpunkten wiederum informelle Maerkte ansiedelten. Fluechtlinge aus Ex-Jugoslawien halten zum Teil per Internet ihre Handelskontakte mit weitverstreuten Angehoerigen aufrecht, waehrend polnische Handelreisende als Pioniere des informellen grenzueberschreitenden Warenaustauschs schon frueh auf eine weitgestreute Diaspora von ExilantInnen als soziales Kapital zurueckgriffen. Seither hat sich der polnische Warenverkehr allerdings gewandelt: Nun reisen Kleinhaendler aus anderen Staaten nach Polen ein, um hier die in den zahlreichen Sweatshops speziell fuer diesen Export hergestellten Produkte einzukaufen.
Dem Herausbilden neuer Mittelschichten steht die Meldung einer Massenflucht tschechischer Roma Richtung Kanada gegenueber, die so den taeglichen Verfolgungen und rassistisch motivierten Gewalttaten im "sicheren Drittland" Tschechien entfliehen wollten. Mehr als 70% der hier ansaessigen Roma sind vom offiziellen Arbeitsmarkt ausgeschlossen, und aus Mangel an Sprachausbildung werden ihre Kinder in Sonderschulen abgeschoben. Deals oder Flucht lauten ihre Perspektiven.

Erstmals abgedruckt in Spex 12/1997 unter dem Titel ,Festung Europa'

* FFM ,Polen. Vor den Toren der Festung Europa' Verlag Schwarze
Risse/Rote StraBe, 1995, vergriffen
* FMM ,Ukraine. Die Vorverlagerung der Abschottungspolitik' Verlag Schwarze
Risse/Rote StraBe, 1997, 12 Mark
* kein mensch ist illegal c/o Forschungsgesellschaft Flucht und Migration
e.V., tel: +49.30.6935670, fax: +49.30.6938318, ffm@ipn-b.comlink.apc.org * grenze@ibu.de * www.contrast.org/borders/kein
* Reistrommel e.V. ,Zweimal angekommen und doch nicht zu Hause.
Vietnamesische Vertragsarbeiter in den neuen Bundeslaendern' 1997, Broschuere
4.80 Mark, tel: +49.330.54957447
* Miklos Hadas/Miklos Voeroes (Hg) ,Colonization or Partnership? Eastern
Europe and Western Social Sciences' Sonderheft 1996 Replika,
tel: +36.1.217.4482, fax: +36.1.217.5172, e-mail: szoc_hadas@pegasus.bke.hu
* Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften Wien, tel:
+43.1.5041126, fax: +43.1.5041132, ifk@ifk.ac.at
* Bundesinstitut fuer ostwissenschaftliche und internationale Studien (Hg.)
,Der Osten Europas im ProzeB der Differenzierung. Fortschritte und
MiBerfolge der Transformation' Hanser Verlag, 1997, 49.80 Mark



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