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Text der Begrüssungsrede für den Bauarbeiter Roch Czartoryski (Sperrfrist 30.6.98 - es gilt das gesprochene Wort)
Sehr geehrter Damen und Herren, lieber Bauarbeiter
Wir sind heute hier zusammengekommen um mit Roch Czartoryski -stellvertretend für die zahllosen anderen - einen der Helden beim Aufbau der neuen alten deutschen Hauptstadt zu ehren. Seit mehr als 150 Jahren haben polnische Arbeitnehmer die Ehre - mehr oder weniger freiwillig - in Berlin beschäftigt zu werden. Der Aufstieg und das rapide Wachstum der deutschen Metropole wären ohne sie kaum denkbar gewesen. Noch heute zeugen die Berliner Telefonbücher mit ihren Lojewskis, Landowskys, Sterczinskis von der Zuwanderung aus Osteuropa - auch wenn viele heute sich nicht mehr an ihre Herkunft erinnern wollen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Eiserne Vorhang Berlin (West) von seinem traditionellen Arbeitskräfte reservoir abgeschnitten. Aber nach dem Fall des real dahinsiechenden Sozialismus haben nun die geliebten polnischen Arbeitskräfte wieder die grosse Chance, ihre Haut in Berlin zu Markte zu tragen. Unerschrocken stellen sie sich den Herausforderungen der Globalisierung und des neoliberalen Wirtschaftsdenkens. Ohne sich zu beschweren oder gar überhöhte Forderungen zu stellen, haben sie dazu beigetragen das "Bauen in Deutschland billiger" werden zu lassen - wie es deutsche Politiker wiederholt eingefordert hatten. Sie tragen so nicht nur dazu bei, die Bilanzen der Auftraggeber und der grossen deutschen Baufirmen und Generalunternehmer zu verbessern - nein, sie tragen sogar nachgewiesenermassen dazu bei, den Umzug der deutschen Hauptstadt preiswert zu gestalten und den Bundeshaushalt zu entlasten. Ob am deutschen Reichstag, ob beim Justizministerium, bei anderen Bundesbauten - überall wurden sie gesichtet.
Sie sind die wahren Helden der neuen Zeit. Sie vereinigen in sich nahezu alle Tugenden, wie sie letztlich auch der Bundespräsident Roman Herzog in einer vielbeachteten Rede eingefordert hat:
- Risikobereitschaft Unerschrocken stellen sie sich dem Überlebenskampf. Ohne rechtliche Absicherung arbeiten sie oft ohne Krankenversicherung auf ungesicherten Baustellen - ohne zu wissen, ob sie letztlich ihren Lohn wirklich erhalten.
- Innovationsgeist und Einfallsreichtum Oft ohne ausreichendes Werkzeug müssen sie sich den ihnen gestellten Aufgaben widmen und meistern die Herausforderung
- kein Anspruchsdenken und Mobilität hier zeigt sich wahre Grösse. Sie müssen sich mit den niedrigsten Löhnen und einfachsten Unterkünften zufrieden geben - und tun dies, weil sie wissen, dass man sich im modernen neoliberalen Überlebenskampf auf nichts und niemanden verlassen kann. Auch die Trennung von Haus und Familie ertragen sie klaglos. Nahezu jede Entfernung legen sie zu ihrem Arbeitsplatz zurück. Oft werden sie sogar angefeindet. Dies alles zu ertragen - wohl wissend, dass ihnen niemand zur Hilfe kommt - ist wahres Heldentum.
- unbürokratisches Handeln die deutsche Bürokratie hat unser Wirtschaftsleben mit einem Dschungel von Gesetzen und Vorgehen überzogen, den es - wie auch der Bundespräsident forderte - zu lichten gilt. Auch hier zeigt sich die Stärke unserer Helden. Im Zusammenspiel mit dankbaren Arbeitgebern umgehen sie jegliche Vorschriften, die von der Wirtschaft ohnehin nur noch als lästig empfunden werden.
Deshalb sind wir hier heute zusammengekommen, um Roch Czartoryski stellvertretend für alle anderen Helden des Aufbaus zu ehren. In Anerkennung seiner Verdienste erhält Roch Czartoryski heute von uns diesen Tretroller als Geschenk.
Erinnern wir uns: 1964 wurde der millionste Gastarbeiter, Armando Rodriguez aus Portugal, feierlich mit einem Moped am Bahnhof begrüsst. Die Zeiten sind hart geworden und wir müssen alle sparen. Deshalb erhält Roch Czartoryski heute diesen Tretroller, den wir, auch im Vorgriff auf eine ökologische Steuerreform für ihn erworben haben.
Roch Czartoryski, wir wünschen Dir von Herzen alles Gute. |