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Jedes Jahr begaben sich Bauern und Bäuerinnen der rumänischen OAS-Region, mit ihrer uralten Grammatik der Mobilität, auf die Reise, um Arbeit im Forstwesen zu suchen. Die Lage der OAS-Region an der nordwestlichen Grenze Rumäniens sorgt sowieso schon für vielerlei geographisch bedingte Aktivitäten und Grenzübergänge. Bäuerliche Erforschung des internationalen Arbeitsmarktes: Erst in Jugoslawien und dann, chronologisch nach der Durchdringung, in Österreich, Deutschland, Italien, Frankreich, Belgien, Schweden, Norwegen, Großbritannien, Griechenland, Spanien bis hin zu den Kanarischen Inseln. Die wandernden BäuerInnen formten einen Migrationskreis, der bis nach Israel reicht: Eine halb offizielle, halb illegale Bewegung, die weder pendelnd noch klar definiert ist; eine nicht klar definierte Gruppe, die im Herz das Vorhaben bewahrt, nur vorübergehend in einem anderen Land zu verweilen und dann wieder zurückzukehren. Die Ersten, die 1995 Frankreich erreichten, suchten zumeist Arbeit in der Holz- und Landwirtschaft und auf Baustellen, oder sie verteiltem Werbematerial, machten Haushaltsjobs... Sie versuchten, ihre legendäre physische Stärke, auf die sie sehr stolz sind, zu zeigen und zu vermarkten. In Frankreich aber ist es schwer, selbst als Schwarzarbeiter, Arbeit zu finden." Um Zeiten der ungeplanten Arbeitslosigkeit" zu überbrücken, fiel den Bauern als Überlebensmöglichkeit der Verkauf von Straßenzeitungen ein - provisorisch, wie sie dachten.
Faim de Siecle
Straßenzeitungen erlebten ihr Debüt 1993 in Paris, die erste war Macadan", verkauft von aus Obdachlosen rekrutierten energischen VerkäuferInnen. Andere Beispiele der selbstgestalteten reinsertion press" (Integrationspresse") wie La Rue, Le Réverbère und Faim de Siecle folgten der Publikation. Auf alle Fälle wird Macadan als französischer Pionier der für Obdachlose kreierten und von ihnen verteilten Medien gesehen. Sein Konzept basiert auf angloamerikanischen Publikationen wie Street News" in New York und The Big Issue" in London.
Street News" erschien erstmals 1989 und hatte schon zwei Jahre später eine Auflage von 100.000 Stück im Monat. 66 Prozent des Kaufpreises von einem Dollar durften die VerkäuferInnen behalten. The Big Issue", die in ganz Großbritannien verteilt wird, kam erstmals 1991 als Monatsmagazin heraus, dann als Wochenzeitung mit einer Auflage von über 100.000 Exemplaren. Sie wurde als Forum für Ideen und Initiativen gegen soziokulturelle Ausschlüsse rasch zum kommerziellen Erfolg. Das französische Modell unterscheidet sich von seinen VorgängerInnenn durch die Vielfalt der nationalen und regionalen Veröffentlichungen. Seit Ende 1993, geben Publikationen wie Macadam", die damals zwanzig rumänische VerkäuferInnen, Le Réverbère", seit September 1992 ungefähr 200 RumänInnen und Le Lampadaire", die 1996 in L'Itinerant" umbenannt wurde - seit Dezember 1997 verkaufen 2000 RumänInnen - geben den OAS-Bauern ihren raison d'etre" (Sinn des Lebens) als MigrantInnen in Frankreich.
Starke Konkurrenz
In der Regel kommen die Bauern und Bäuerinnen in Paris mit dem Vorhaben an, saisonbedingte Arbeit zu finden. Seit Mai 1998 müssen sie aber drei bis neun Monate mit Warten auf den Asylantrag verbringen, den die Behörden entweder akzeptieren oder ablehnen. Weil Asylgesetze in Frankreich eine Erwerbstätigkeit während des Verfahrens verbieten, sie aber zum Bezug von Sozialhilfe berechtigen, haben die Bauern die halb-legale, halb-illegale Möglichkeit der Straßenzeitungen genützt um von der Obdachlosenhilfe" zu profitieren, als ob sie ein echter Job wäre.
Wie 1996 in einer Studie von C. Baarats beobachtet wurde, präsentiert die Verbreitung und harte Konkurrenz unter den Straßenzeitungen einen Widerspruch zum Ziel der Bekämpfung des sozialen Ausschlusses. Die konkurrierende Straßenpresse Frankreichs zeigt, wie wertvoll der Straßenmarkt geworden ist. Oft sind rumänische VerkäuferInnen angegriffen worden, weil sie eine starke Konkurrenz sind. Sie arbeiten sehr diszipliniert und fokussiert. Dies hat sich in ihren KolporteurInnen-Netzwerken sehr effektiv ausgewirkt. Le Réverbère spricht von einer rumänischen Mafia". Durch den Druck einer ganzen Seite in rumänischer Sprache versuchte Le Réverbère Bauern zu rekrutieren - VerkäuferInnen einer anderen Straßenpublikation, Le Belvédere", welche die Interessen der rumänischen Asylwerber in Frankreich vertritt und nicht jene der rumänischen oder französischen Gauner, die sie ausbeuten."
Euro Pass
1995 ergab eine Umfrage über Straßenzeitungen, daß aus dem Krieg zwischen Le Réverbère und L'Itinerant ein Netzwerk illegaler VerkäuferInnen aus Rumänien, Jugoslawien, Polen und anderen entstand. Die Zeitung Le Réverbère", ähnlich Le Lampadaire", würde alles machen, um ihre Verkaufslage zu verbessern, und viele frustrierte RumänInnen verkaufen mittlerweile auch Le Lampadaire. Somit werden diese zwei Publikationen meist von Personen mit irregulärem Status (InhaberInnen abgelaufener Visa, Illegale...) verkauft. Sobald die Krise der Straßenpublikationen 1997 begann, wurden illegale rumänische Verkäufer in zwei Ausgaben von Macadam" attackiert. Dies betraf hauptsächlich Roma und Sinti, die trotz des rassistischen Rufs der Publikation Le Reverbere" sie immer noch unter ihrem geänderten spanischen Namen Euro Pass" verkaufen. Auch Bauern aus Maramuresh" (eine Fehlbezeichnung der OAS) beschäftigten sich meistens in der Verteilung von L'Itinerant". Sind aber die rumänische KolporteurInnen illegal? Es ist schwer vorstellbar, daß jemand mit ernsthaften Problemen der Legalität einer riskanten öffentlichen Tätigkeit nachgehen würden, zumal weil das, was verkauft wird, nicht nur die Straßenpublikation an sich, sondern auch das Bild des Verkäufers als sozial marginalisiertes Individuum ist. Eine Umfrage der Publikation L'Itinerant" zeigte, daß rumänische KolporteurInnen den Status eines Asylwerbers besitzen. Sobald sie auch das Namensschild der Publikation, die sie kolportieren, bekommen, haben sie den Status einer/s normalen MigrantIn in Frankreich. Sollten sie aber obdachlos werden, kommt die Unterstellung der Illegalität.
Ist das Arbeit?
Nach einem 1991 in Kraft getretenen Gesetz dürfen die städtischen Behörden eine Karte herausgeben, welche die KolporteurInnen identifiziert und berechtigt, solange sie ihre Tätigkeit in ihrem eigenen Namen und für einen Verlag, Agenten oder Verteiler" auszuüben. Diesem Status unterliegt die Annahme, daß sie freiwillig ihre Verdienste angeben, ihre Gebühren zahlen und Sozialhilfe beziehen, weil sie als AsylwerberInnen keiner Erwerbstätigkeit in Frankreich nachgehen dürfen. In einer Umfrage stellten wir den oasischen MigrantInnen die Frage Würden Sie Ihre Tätigkeit als Arbeit bezeichnen?" Diese wurde teils bejaht und teils verneint. Ja, es ist ein Gewerbe - ich kaufe die Zeitung um zwei Francs und verkaufe sie um zehn Francs." Oder: Nein, es ist eine Art zu betteln; der Käufer gibt mir zehn Francs, aber nimmt die Zeitung nicht." Oder: Es ist nicht Arbeit, sondern eine Lösung eines Problems." Die Menschenwürde der StraßenverkäuferInnen steht also im Konflikt mit ihrer Glaubwürdigkeit. Um diese Würde wieder herzustellen müssen die StraßenverkäuferInnen, zumindest am Anfang, ihren desozialisierten Zustand herüberbringen. Selbst unter den KolporteurInnen wird desozialisiert und diskriminiert: Rentner, MigrantInnen, Jugendliche, die in Schwierigkeiten geraten sind. Die eigentliche soziale Identität wird im Moment des Verkaufs nicht verraten. Die rumänischen VerkäuferInnen wohnen zusammen mit anderen aus gleichen Regionen oder Familien in Flüchtlingsgebäuden in der Pariser Umgebung: Nanterre, Maisons Faffite, Saint Denis, Aulnay-S/Bois, La Courneuve, Montreuil, Fontenay aux-Roses, Versailles. In den Gebäuden schlafen die KolporteurInnen nur; sie gehen früh zur Arbeit und kommen spät in der Nacht zurück - nachdem die Supermärkte, vor denen sie verkaufen, geschlossen haben. Am meisten verkaufen sie in den Wintermonaten, die sich inzwischen als Hochsaison etabliert haben. Nach der Saison fliegen sie zurück - für die meisten die erste Flugreise.
Die Kunden möchten von ihrem eigenen Kolporteur" kaufen, der sozusagen schon einen Teil ihrer Supermarkt-Realität geworden ist. Über die wirtschaftliche Dimension des Verkaufs hinaus hat der Straßenzeitungshandel schon die soziale Funktion einer praktischen und emotionalen Kommunikation zwischen rumänischen MigrantInnen und Franzosen. Die Augen des Mannes, der mir L'Itinerant verkauft, sind rot von der Kälte - seine Hände und Füße erfroren," schildert eine der älteren Damen, die zum größten Teil die Kundschaft ausmacht.
In Bewegung leben
Primäres Ziel der rumänischen MigrantInnen, die Straßenpresse verkaufen, ist es, soviel wie möglich zu verdienen, bevor sie in ihr Dorf zurückkehren. Die OAS-RumänInnen praktizieren diese Migration seit sechs Jahren. Sie kommen aus elf verschiedenen Dörfern. In fast allen Familien nimmt ein Mitglied am Verkauf von Straßenzeitungen teil. Das Modell des mobilen und erfolgreichen Akteurs, der mit Geld ins Dorf zurückkehrt, ruft weitere Projekte der Migration hervor. In allen untersuchten Fällen sind die OAS-StraßenverkäuferInnen zurückgekehrt, sei es wegen Abschiebung oder weil der Zweck erfüllt war: Die Summe für den Hausbau wurde erlangt oder die landwirtschaftlichen Notwendigkeiten erfüllt. Sobald ihre Geschäfte gemacht sind, planen sie andere Migrationsprojekte. Auch wenn sie aus Frankreich verwiesen wurden, ist es möglich, daß sie wieder hinfahren, oder sie fahren in andere Länder wie Israel oder Kanada. Ihre Motivation ist es sich Geld für den Hausbau, für den Kauf von Agrarland, Wald, oder materiellen Gütern wie Autos, Möbel zu sichern. Ich studierte die unglaubliche Migration der Bauern und Bäuerinnen aus der OAS-Region in Nordrumänien. Achtzig Prozent der aktiven Bevölkerung in den elf Dörfern sind SiedlerInnen" in Mobilität, sozusagen in Bewegung eingesiedelt. Das Siedeln wird nicht als eine Migration, sondern als eine dauerhafte Reise gesehen.
Die Autorin war zum Kongreß MoneyNations2" in Wien.
Übersetzung: Charlotte Eckler
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